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Buchrezension Management

Buchrezension: Human+machine

Lesezeit: 8 Minuten

Titel: Human+machine – erhältlich bei Amazon

Untertitel: Künstliche Intelligenz und die Zukunft der Arbeit

Verlag: dtv

Autoren: Paul R. Daugherty, H. James Wilson

Erscheinungsjahr: 2018

Rezension

Im Buch Human+machine liegt der Fokus klar auf die aktuelle und zukünftige Umsetzung von künstlicher Intelligenz (KI). Anders als in anderen Büchern wird dabei die künstliche Intelligenz nicht als übermächtiges Instrument der Zukunft dessen wir Menschen unterliegen werden (man denke an die Filme über Terminator) dargestellt. Auch nicht als den Job-Vernichter und Entscheider zwischen Arm und Reich, wie es heute viele Philosophen darstellen. Es werden keine wilden Phantasien präsentiert, wie wir im Jahr 2050 leben werden. Die Autoren versuchen ein nüchternes Bild über KI zu präsentieren. Eines, wie es heute bereits in vielen Unternehmen Anwendung findet oder wenn es bereits konkrete Pläne zur Umsetzung von KI gibt. Es fällt jedoch auf, dass die Beispiele vorwiegend jene von großen Unternehmen sind, wie z.B. GE, BMW, Tesla, Amazon oder auch Goldman Sachs. Die Beispiele zeigen einerseits, dass die Anwendung heute bereits branchenunabhängig ist, aber scheinbar noch etwas für die großen Unternehmen ist. Jene, die über eigene Forschungsabteilungen diese neue Technologie für sich nutzbar machen.

Interessant sind  die Ansätze der beiden Forscher über die Umsetzung von KI im Unternehmen. Sie berufen sich dabei auf ihre praktische Erfahrung mit KI und ihren eigenen Forschungsergebnissen. Daraus leiten Sie konkrete Prinzipien ab und betten dies in einem angemessenen Rahmen ein. Unternehmen und Prozesse neu denken anstatt – wie meist in der Vergangenheit – bestehende Prozesse durch Technologie ein wenig zu verbessern. Revolution statt Evolution.

Die Autoren haben es geschafft, den Sachverhalt der KI recht einfach und für jedermann verständlich darzustellen und KI als Thema positiv zu besetzen.

Kernaussagen

  • Roboter übernehmen nicht die Weltherrschaft und künstliche Intelligenz wird nicht all unsere Jobs vernichten und in weiterer Folge die Weltwirtschaft aus ihren Angeln heben.
  • Es geht um die fehlende Mitte. Rein menschliche Tätigkeiten werden menschlich bleiben. Heute bereits automatisierbare Tätigkeiten wie klassische Produktionsroboter werden weiterhin stärker automatisiert. Aber es geht primär um die fehlende Mitte. Jener Bereich, in der künstliche Intelligenz und generell Technologie gemeinsam mit uns Menschen arbeitet. Jener Bereich, der heute noch kaum besetzt ist.
  • Der Einsatz von künstlicher Intelligenz ist heute bereits Wirklichkeit, wenn auch primär in großen Unternehmen. 
  • KI findet man heute bereits im Produktionsbereich, aber auch im Dienstleistungssektor bis hin zur Landwirtschaft.
  • Ebenso unterstützt KI nicht nur die wertschöpfenden Prozesse sondern auch Verwaltungs- und Administrationsaufgaben bis hin zum automatisierten Erst-Bewerbungsgespräch im Rahmen des Rekruitings.
  • Künstliche Intelligenz ist eine Chance und kein Risiko.
  • Bei einem stärkeren Einsatz von KI im Unternehmen ist dies jedoch ins Risikomanagement aufzunehmen.
  • Es geht nicht darum, bestehende Prozesse mit Technologie zu optimieren, sondern Prozesse komplett neu zu denken – Revolution statt Evolution.
  • Zur erfolgreichen Umsetzung von KI im Unternehmen sind fünf Prinzipien notwendig:
    • Geisteshaltung in der Organisation
    • Experimenten
    • Führung
    • Daten
    • Fertigkeiten (Skills)

Zusammenfassung

Das Buch human+machine macht anhand vieler Beispiele deutlich, wie KI heute bereits eingesetzt wird. Anstatt aber nur Beispiele zu liefern, wird die Entwicklung von der Idee zum Ergebnis vieler Beispiele ebenso untersucht. Damit bildet sich auch der rote Faden durch das Buch. Bereits in der Einleitung werden die fünf Prinzipien die zur erfolgreichen Einführung von KI notwendig sind, beschrieben. Die Autoren kürzen diese gerne mit GEFDF ab.

GEFDF

  • Geisteshaltung in der Organisation. Bis dato hat man primär über die Automatisierung von bestehenden Prozessen im Unternehmen nachgedacht bzw. diese auch umgesetzt. Prozesse wurden dementsprechend einfach durch Maschinen ersetzt und die Akzeptanz seitens der Mitarbeiter war nicht sonderlich hoch. Durch diesen Ersatz durch Technologie war dies jedoch in vielen Unternehmen nicht weiter von Bedeutung. Will man nun in Zukunft die Mitte füllen – die Kollaboration zwischen Technologie und Menschen – braucht es in den betreffenden Organisation gänzlich eine andere Geisteshaltung zum Einsatz von Technologie.
  • Experimente. Hat man früher Prozesse sukzessive verbessert und waren die Eingangsparameter bekannt und die potentielle Verbesserung klar bewertbar, geht es im Einsatz von KI mehr darum, neue Abläufe unter Einsatz von KI auszuprobieren. Dabei muss man zwangsläufig experimentieren, bevor man Erfolge erzielen kann.
  • Führung. Man engagiert sich von Anfang an für eine verantwortungsvolle Nutzung der KI. Manager müssen stets die ethischen, moralischen und juristischen Auswirkungen der von ihnen eingesetzten KI-Technologie berücksichtigen. Die Systeme müssen erklärbare Ergebnisse liefern und Entscheidungen der KI transparent und nachvollziehbar sein.
  • Daten. Spricht man heute in einem Produktionsbetrieb von einer Supply Chain, in der die einzelnen Produkte entlang der Produktionskette geliefert werden, spricht man in Zukunft von einer “Data Supply Chain”. Daten werden in Zukunft einzelne intelligente Systeme versorgen, dies mittels großen Datenmengen. Informationen zu sammeln, die relevanten Inhalte zu extrahieren und die richtigen Stellen zum richtigen Zeitpunkt mit Daten zu versorgen, ist hier die Aufgabe.
  • Fertigkeiten. Zum Entwickeln und Betreiben der neue KI-Technologie werden neue Fertigkeiten – neue Skills – notwendig sein. Die Autoren haben an dieser Stelle acht neue Fertigkeiten beschrieben.

Die Zukunft der KI

Wenn die Autoren über die Zukunft schreiben, so meinen sie damit die unmittelbar nächsten Jahre. Sie beschreiben den Einsatz der KI in vielen Unternehmensfunktionen. Von der Produktionshalle bis hin zur Verwaltung und Administration. Eine Einstellung dahinter eint jedoch alle Einsatzbereiche. Menschen sollen wieder menschlichere Aufgaben erhalten. Während in heutigen Produktionsbereichen es immer noch sich wiederholende Tätigkeiten für Menschen gibt, sind die Aufgaben im Dienstleistungsbereich nicht viel spannender. Zu viel Zeit verbringt man im Office mit Dateneingabe, Datenprüfung, verfassen von Dokumenten usw. Unsere eigentliche Kompetenz nutzen wir dadurch nur noch zu einer begrenzten Zeit. Genau an dieser Stelle soll KI in Zukunft eingreifen. Wir als Menschen sollen wieder menschlichere Tätigkeiten ausüben. Tätigkeiten die unsere Leidenschaft entsprechen und unsere Stärken nutzen.

KI wird uns im Backoffice verstärkt unterstützen. Aber auch im Frontoffice – im Vertrieb und Service – wird uns KI mit Chat-Bots, Kundenbeziehungsmanagement-Systemen, Emfehlungssystemen uvm. unterstützen bzw. das Kundenerlebnis erhöhen.

Prinzip der fehlenden Mitte

Aufbauend auf den bereits starken Einsatz von Technologie und insbesondere der KI-Systeme, wird deutlich, dass Menschen und Maschinen an der Leistungserstellung arbeiten. Menschen allein wo wir heute noch keine Möglichkeit gefunden haben, diese Tätigkeiten zu automatisieren oder auch nie finden werden. Maschinen dort, wo sie autark arbeiten können, wie die klassischen Roboter in der Automobilindustrie. Die jedoch meist aufgrund ihres Gefahrenpotentials in einem Sicherheitskäfig arbeiten. Menschen und Maschinen getrennt voneinander. Das Prinzip der Mitte geht nun davon aus, dass es einen breiten, überlappenden Bereich gibt. Einen Bereich, indem Maschinen bzw. Technologie den Menschen unterstützt und mit ihm gemeinsam Aufgaben erfüllt. Als Beispiel vorweg seien die heute bereits im Einsatz befindlichen Cobots erwähnt – sog. Collaborative Robots. Roboter die Hand-in-Hand mit Menschen arbeiten. Roboter die z.B. Bauteile dem Menschen reichen.

Die Gesamtübersicht über die Drittelung – Mensch / Mensch + Maschine / Maschine – der Autoren zum besseren Verständnis über die Aufgabenteilung in der Zukunft:

  1. Menschliche Aktivitäten
    1. Führen
    2. Sich einfühlen
    3. Kreativ sein
    4. Beurteilen
  2. Mensch/Maschine-Aktivitäten
    1. Mensch ergänzt Maschine
      1. Trainieren
      2. Erklären
      3. Erhalten
    2. KI verschafft Mensch übermenschlich Fähigkeiten
      1. Verstärken
      2. Interagieren
      3. Verkörpern
  3. Maschinelle Aktivitäten
    1. Erledigen
    2. Wiederholen
    3. Vorhersehen
    4. Sich anpassen

Aus diesem zweiten Bereich – Mensch/Maschine-Aktivitäten – werden sich dementsprechend auch neue Rollen und Stellen im Unternehmen ergeben.

Mensch ergänzt Maschine

Trainer

Der Trainer ist jene Person, die das KI-System trainiert. Er säubert die Daten bevor diese ins KI-System hochgeladen werden. Dabei selektiert der Mensch die relevanten Daten. Die Maschine beobachtet den Menschen bei seinen menschlichen Entscheidungen. Daten werden mit Schlagwörtern versehen, um sie besser nutzbar zu machen. Weiters wird der Trainer menschliche Fähigkeiten dem KI-System antrainieren wie z.B. Sprache, Interaktionen zwischen Mensch und Maschine sowie Fehler korrigieren.

Erklärer

Die zweite Kategorie neuer Berufe muss die Lücke zwischen Technologen und Management schließen. Je intransparenter KI-Systeme werden, desto wichtiger wird dieser Job. Konkrete Aufgaben darin sind zum Einen das Testen und editieren von Algorithmen aber auch das Interpretieren des Outputs. Aus dem Output der Maschine müssen Erkenntnisse gezogen und verstanden werden. Anderen Beteiligten muss die Arbeitsweise der Maschine erklärt werden.

Erhalter

Der Erhalter ist für den verantwortungsvollen Einsatz der KI-Systeme zuständig, in dem er ständig den Einsatz derer überprüft und gegebenenfalls korrigierend eingreift. Er prüft ob KI-Systeme gemäß ihrem Zweck als Werkzeug funktionieren und uns als Menschen weiterhin bei der Arbeit helfen. Dazu wird der Erhalter permanent Grenzen setzen. Grenzen um die ethischen, wirtschaftlichen und rechtlichen Grundsätze einzuhalten. Der Erhalter überwacht darüber hinaus die Qualität der Input-Daten und des Outputs der Maschine. Er wird die KI-Leistung kritisch überdenken, sowie Fehler und Fehlurteile der Maschine kennzeichnen. Die Weiterentwicklung der Benutzerschnittstelle liegt in seiner Verantwortung, sowie einzelne KI-Systeme aufgrund von gesellschaftlichen und geschäftlichen Auswirkungen empfehlen, davon abraten oder es ausmustern um die Leistung von KI insgesamt zu optimieren.

Der Erhalt sorgt weiters für die Einhaltung folgender Grundsätze:

  • Erklärbarkeit: Falls erforderlich, transparente Modelle verwenden, damit Zwischenschritte und Ergebnisse erklärbar werden und der Prozess somit transparent wird.
  • Nachprüfbarkeit: Klar aufzeigen, welche Entscheidungen an Maschinen delegiert werden, welche Entscheidungen die Intervention von Menschen erfordern und wer in beiden Fällen verantwortlich ist.
  • Neutralität: Sicherstellen, dass KI-Lösungen ausgewogen und nicht voreingenommen sind. Es muss verstanden werden, warum eine bestimmte Entscheidung getroffen wird. 
  • Symmetrie: Dafür sorgen, dass unsere Daten für andere ebenso nützlich sind wie für uns selbst.

KI verschafft Mensch übermenschliche Fähigkeiten

Verstärken

Im Fall von Verstärkung verschaffen KI-Agenten dem Menschen außergewöhnliche, auf Daten gestützte Erkenntnisse, häufig unter Verwendung von Echtzeitdaten. Ein Beispiel sind Datenbrillen, die Technikern bei Wartungseinsätzen über Augmented Reality nützliche Zusatzinformationen (Schaltpläne, Wartungsanweisungen) einblenden.

Interaktion

Die Interaktion umfasst die Interaktion zwischen Mensch und Maschine über hochentwickelte Benutzerschnittstellen wie Spracherkennung und -verarbeitung. Damit wird es dem Menschen möglich, dass in direkter Interaktion Maschinen Aufgaben erledigen. Ein aktuelles Beispiel im privaten Umfeld ist heute Amazons Alexa.

Verkörperung

Während Verstärkung und Interaktion primär Software betreffen, tritt die Verkörperung physisch in Erscheinung. Sie ist KI in Verbindung mit Sensoren, Motoren und Servos, dies es Robotern ermöglichen, den Arbeitsplatz mit Menschen zu teilen und bei physischen Tätigkeiten kollaborativ mit ihnen zusammenzuarbeiten. Solche Roboter werden am Montageband und im Warenlager eingesetzt, und sie nehmen die Gestalt von Robotern-Fortsätzen, autonom agierenden Paketwagen oder Drohnen an, die Medikamente ausliefern – als Beispiel.

Leitfaden für Manager

Eines der letzten Kapitel stellt einen Leitfaden für Manager dar, die KI nutzen wollen. Wieder werden die oben angeführten Prinzipien GEFDF zitiert, aber auf den Leitfaden angewandt:

  • “Der Manager muss sich die richtige Geisteshaltung zulegen und sich darauf konzentrieren, betriebliche Prozesse nicht nur verbessern zu wollen, sondern solche Prozesse und die Art und Weise, wie Arbeit erledigt wird, völlig neu zu denken.”
     
  • “Er muss eine Kultur des Experimentierens mit KI fördern, die es ihm ermöglicht, schnell zu erkennen, wie und wo die Technologie einen Ablauf verändern kann und wo es sinnvoll ist, Umfang und Anwendungsbereich eines Prozesses zu erweitern.”
     
  • “Er muss richtig führen, um den verantwortungsvollen Einsatz von KI zu fördern, indem er die Sorgen der Mitarbeiter sowie rechtliche und ethische Fragen berücksichtigt. Außerdem muss er die gesellschaftlichen Folgen in Betracht ziehen, die das Verändern von Abläufen herbeiführen kann.”
     
  • “Der Manager muss die zentrale Bedeutung von Daten erkennen – nicht nur der Daten des eigenen Unternehmens, die den Einsatz von KI ermöglichen, sondern auch des großen Bildes, das sich aus der Gesamtheit aller verfügbaren Daten ergibt.”

Neue Fertigkeiten

Gegen Ende des Buches werden die neuen Fertigkeiten – Skills – erklärt, welche in der fehlenden Mitte – Mensch/Maschine-Aktivitäten – notwendig sind bzw. werden.

Skill Nr. 1: Humanisierung der Arbeitszeit: Weg von Schichtbetrieb und fixen Arbeitszeiten, sondern Flexibilisierung.

Skill Nr. 2: Verantwortungsvolles Normalisieren: Auf verantwortungsvolle Weise zur Normalität mit KI wechseln.

Skill Nr. 3: Integration von Entscheidungsprozessen: Menschen entscheiden dann, wenn Maschinen keine Entscheidung treffen können.

Skill Nr. 4: Intelligentes Befragen: Wissen, wie man über alle Abstraktionsebenen hinweg am besten Fragen an die KI formuliert, um die Einsichten zu erhalten, die man braucht.

Skill Nr. 5: Bot-basierte Befähigung: Gut mit KI-Agenten zusammenarbeiten.

Skill Nr. 6: Ganzheitliches Zusammenwachsen: Mensch und Maschine werden eins. Akzeptieren und schätzen, dass die Maschine die eigenen Fähigkeiten erweitert.

Skill Nr. 7: Wechselseitiges Anlernen: Durchführen von Aufgaben gemeinsam mit KI-Agenten, damit sie neue Fertigkeiten erlernen können. On-the-job-Training für Menschen, damit sie im Rahmen KI-gestützter Prozesse gut arbeiten können.

Skill Nr. 8: Beharrliches Neudenken: Rigorose Neugestaltung von Prozessen und Geschäftsmodellen anstelle einer bloßen Automatisierung existierender Prozesse.

Das letzte Kapitel widmet sich eher kritisch dem aktuellen Entwicklungsstand von KI in den einzelnen Ländern. Ebenso kritisch betrachtet wird der Qualifizierungsmangel in den nächsten Jahren in den Unternehmen. Jobs werden entstehen, aber Menschen dafür zu qualifizieren wird eine große Herausforderung.

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